zwischen den Zeilen
Mit großer Sorge sehen viele von uns die gesellschaftlichen Entwicklungen im Land. Inmitten weltweiter Krisen und großer Verunsicherung sind die Auseinandersetzungen aggressiver und populistischer geworden, was zu einer tiefen Spaltung in der Gesellschaft geführt hat. Zwischen einer Apathie hinter dem Schutzwall der Gleichgültigkeit und einem sich Abkämpfen bis hinein in ideologische Verbissenheit scheint kaum Raum für versöhnliche Verständigung. Dabei braucht es diese gerade jetzt angesichts einer akuter Gefährdung unserer Grundwerte wie Menschenwürde und Solidarität.
In einem Gleichnis des Matthäusevangeliums wird erzählt, wie, als alle schliefen, Giftsamen unter den Weizensamen verstreut wurde (Mt 13,24-30). In Unachtsamkeit, in Gleichgültigkeit, aber auch in verblendetem Frust und blinder Wut kann Gift gestreut werden, das gemeinsame Werte zu ersticken droht. Oft geschieht dies schleichend und fast unbemerkt, bis wir aufwachen und erkennen, welche Gefahr da droht. Sollte das Gift direkt herausgerissen werden? Nein, sagt das Gleichnis, lasst beides wachsen bis zur Ernte. Ich sehe darin ein Plädoyer, nicht vorschnell in Gut und Böse mit Freund und Feind aufzuteilen, was die Gräben noch vertieft, sondern den Mut zu haben für eine Gelassenheit, die darauf setzt, dass sich letztlich Gutes durchsetzt. Dieses soll schließlich zur Ernte eingebracht werden, heißt es im Evangelium. Es bleibt also ein waches Unterscheiden, was wirklich den gemeinsamen Werten dient und was nicht – und ein entsprechend förderndes Handeln.
Dazu anregend finde ich Worte des amerikanischen Historikers und Friedensaktivisten Howard Zinn. In seiner Autobiografie mit dem deutschen Titel „Schweigen heißt Lügen“ schreibt er:
„In schlechten Zeiten Hoffnung zu haben, ist nicht einfach nur töricht romantisch, sondern basiert auf der Tatsache, dass die Geschichte der Menschen nicht nur eine Geschichte der Grausamkeit, sondern auch eine des Mitgefühls, des Opfers, des Mutes und der Freundlichkeit ist. Unser Leben wird das bestimmen, was wir in dieser komplizierten Geschichte hervorheben. Sehen wir nur das Schlimmste, wird unsere Fähigkeit, etwas zu tun, zerstört. Wenn wir uns an die Zeiten und Orte erinnern – und derer gab es viele -, wo Menschen sich prächtig verhalten haben, verleiht uns dies Energie zu handeln und bietet uns zumindest die Möglichkeit, dieser sich wie ein Kreisel drehenden Welt eine andere Richtung zu verleihen. Und wenn wir handeln, in welch bescheidenem Maße auch immer, müssen wir auch nicht auf irgendeine großartige utopische Zukunft warten. Die Zukunft ist eine unendliche Folge von Gegenwarten, und jetzt so zu leben, wie wir glauben, dass die Menschen leben sollten, allen Übeln um uns herum zum Trotz, ist bereits ein wunderbarer Sieg.“
Bleiben wir miteinander auf dem Weg, einander ermutigend und bestärkend schon jetzt zu leben, was uns letztlich doch so wichtig ist.
Christoph Kunz, Geistlicher Begleiter in der KEB Sachsen-Anhalt
Foto von Christoph Kunz: Detail aus dem Bodenbild von Martin Assig in der ehemaligen Klosterkirche Unser Lieben Frauen in Magdeburg